Vortrag gehalten am 2. Juni 2000 in Piliscsaba, im Rahmen des von der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte veranstalteten Symposiums Der Donauraum in der Wissenschaftsgeschichte Europas
mit besonderer Berücksichtigung der deutsch–ungarischen Wissenschaftsbeziehungen



Kristóf Nyíri (Budapest):
 
 

Wörter und Bilder in der österreichisch-ungarischen Philosophie:

Von Palágyi zu Wittgenstein







1. Das österreichische Thema: Zwischenmenschliche Kommunikation
2. Gebrochene Kommunikation in Österreich-Ungarn
3. Melchior Palágyi und die Kritik des "reinen Denkens"
4. Von Balogh zu Balázs: Sehnsucht nach auditiver und visueller Kommunikation
5. Neurath und die bildliche Ergänzung der Schriftsprache
6. Wittgenstein: Sprache als Bild? Bild als Sprache?
7. Das österreichisch-ungarische Erbe in der heutigen Kommunikationsphilosophie
 
 
 

1. Das österreichische Thema: Zwischenmenschliche Kommunikation

In einem weitaus höherem Maße, als dies im übrigen Europa der Fall ist, beschäftigt sich das philosophische Denken im Donauraum zur Zeit der Doppelmonarchie mit dem Thema zwischenmenschliche Kommunikation.(1) Gar manche wichtige Ansätze innerhalb der österreichischen Philosophie beziehen sich nicht sosehr auf die Rolle des vereinzelnt denkenden Subjekts, sondern vielmehr auf die der Denkgemeinschaft, damit der Sprachgemeinschaft, und damit eben auf die Rolle der Kommunikation, und zeigen dadurch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem eher unphilosophischen, aber geschichtlich und soziologisch keineswegs unempfindsamen ungarischen Denken. Unverkennbar dabei ist die Verbindung zur österreichisch-ungarischen politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit, nämlich zum Phänomen der gebrochenen Kommunikation innerhalb der Doppelmonarchie. Wenn ich hier von "gebrochener Kommunikation" spreche, meine ich nicht bloß das Miteinanderdasein verschiedener Sprachen, sondern den Umstand, daß - während die horizontale Mobilität infolge der Industrialisierung intensiver wurde - außersprachliche Gründe den semantischen Ausgleich zwischen jenen Sprachen - also die tiefgehende wechselseitige Übersetzbarkeit - immer wieder erschwerten.
 
 

2. Gebrochene Kommunikation in Österreich-Ungarn

Gebrochene Kommunikation - natürlich denkt man da an Freud, freilich auch an Musil. Ich erinnere aber auch an die Bemerkung Koestlers über das "lebenslange intellektuelle Getto", in welches die ungarischen Schriftsteller als Folge der Isolation ihrer Muttersprache gezwungen werden,(2) oder an die Äußerung Mauthners: "Der Deutsche im Innern von Böhmen, umgeben von einer tschechischen Landbevölkerung, spricht keine deutsche Mundart, spricht ein papierenes Deutsch"(3); ich erinnere an den Triester Ettore Schmitz, der den Namen "Italo Svevo", "der italienische Schwabe", angenommen und das Italienische als die Sprache seines literarischen Wirkens gewählt hat, obzwar er sich nicht ohne Schwierigkeiten in dieser Sprache ausdrücken konnte: War es doch für ihn nicht möglich, in jenem von deutschen und slawischen Einflüssen gefärbten italienischen Dialekt zu schreiben, den er als seine Muttersprache sprach. Oder ich erinnere an den Konflikt von Hochdeutsch und Dialekt etwa bei Grillparzer oder bei Weinheber. Es ist nicht leicht, schrieb doch Weinheber an einen Freund, "eine große Lebenslinie in der Kunst durchzuhalten; bei mir umso schwerer, als ich ja in zwei Sprachen denke, im Wienerischen und im Hochdeutschen."(4) Sogar bei Wittgenstein läßt sich dieser Konflikt beobachten - man denke an die Ausführungen in seinem
Wörterbuch für Volksschulen, in welchem Wörterbuch sich bereits auch Wittgensteins Distanz zum gedruckten Text überhaupt zeigt, seine Vorliebe für das gesprochene Wort, seine Abneigung gegenüber der modernen Art der Kommunikation, seine Nostalgie für vergangene Zeiten der Mündlichkeit, und seine Vorahnung einer Zeit der sekundären Oralität - der Zeit des elektronischen Tons und Bildes. Österreichisch-ungarische Denker sinnieren mit Vorliebe über die Möglichkeit einer Überwindung der Schrift- und insbesondere der Drucksprache - der Sprache, die das Vehikel jenes Nationalgefühls ist, das in Österreich-Ungarn derartiges Unheil angerichtet hatte.
 
 
 

3. Melchior Palágyi und die Kritik des "reinen Denkens"

Ich möchte zunächst auf das Werk des ungarischen Philosophen Melchior Palágyi - eigentlich Palágyi Menyhért - eingehen. Ein Hauptargument Palágyis 1902 in Deutschland erschienenen Buches Kant und Bolzano besteht in Erläuterungen über die Sprache als Medium des Denkens." [D]er Sinn eines Satzes", schreibt hier Palágyi, kann "als selbständige, psychische Erscheinung (frei von begleitenden Zeichen, Lautvorstellungen u.s.w.) im menschlichen Bewusstsein nicht bestehen... eine logische Urteilsthätigkeit [kann] in unserem Geiste nicht stattfinden ..., ohne dass sich diese Thätigkeit in einem Hervorbringen von sinnlichen Symbolen manifestieren würde..."(5) Zwei Jahre später, in seinem Buch Az ismerettan alapvetése - "Grundlegung der Erkenntnislehre" - unterscheidet Palágyi bereits bewußt zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Palágyi setzt sich hier mit den bekannten Ausführungen des Aristoteles in der Hermenuetik auseinander, und schreibt: "Ich glaube nicht, daß ein primitiver Mensch, der nicht lesen und schreiben gelernt hat, in seiner Seele zweierlei Gedanken, nämlich Begriffe und Urteile entdecken könnte... Ja sogar wenn jemand zwar schreiben könnte, aber keine Ahnung von der alphabetischen Schrift hätte und nur eine Bilderschrift verwenden würde, wie z.B. der altägyptische Mensch, der vielleicht einen Gedanken, welcher zu einem ganzen Satz ausreichen würde, mit einem einzigen Bilderchen bezeichnete, von diesem Menschen läßt sich kaum annehmen, daß er in seiner Seele ... Begriff und Urteil hätte finden können..."(6) Keineswegs ist die Vernunft, betont Palágyi, zu irgendeiner unmittelbaren Selbstbeobachtung fähig; der menschliche Geist kann erst dann auf sich selbst reflektieren, wenn er "Werke schafft, Wissenschaften produziert".(7) Die beiden Grundbedingungen des menschlichen Wissens, hebt Palágyi in den einleitenden Absätzen von Az ismerettan alapvetése hervor, sind die Eindrücke und die Zeichen, und zwar einerseits die Gebärden und die gesprochenen Zeichen, andererseits aber die geschriebenen, die gedruckten, und die gezeichneten Zeichen. Palágyi liefert hier im Umriß geradezu eine umfassende philosophische Analyse der Geschichte der Kommunikationstechnologien. Wie die Schrift die Zeit überbrückt, so überbrücken etwa Telegraph und Telephon, schreibt er, die Distanz.(8) Entscheidend aber bleibt, daß die Sprache nicht nur Kommunikationsmittel,(9) sondern in allen ihren Gestalten - als gesprochene, geschriebene, usw. - auch ein Medium des Denkens ist; der irrtümliche Eindruck einer durch Symbolgebrauch nicht verseuchten, "'reinen'" Vernunft, erkennt Palágyi, entsteht als Folge des lautlosen Denkens, das lautlose Denken entsteht aber als Folge des lautlosen Lesens; wobei das lautlose Lesen das laute Lesen, und das lautlos-einsame Denken das laut-gemeinsame Denken voraussetzt.(10)
 
 

4. Von Balogh zu Balázs: Sehnsucht nach auditiver und visueller Kommunikation

Ich komme jetzt zu Gestalten, deren Wirken bereits zu späteren Jahrzehnten unseres Jahrhunderts gehört - zu den zwanziger, dreißiger oder gar vierziger Jahren - , die aber noch alle in der Doppelmonarchie aufgewachsen sind. Und zwar beginne ich hier mit einem Hinweis auf den ungarischen Altphilologen József Balogh. Daß Palágyi auf Balogh einen gewissen Einfluß hatte, kann ich nicht belegen, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich. Balogh veröffentlichte 1921 seinen bahnbrechenden Aufsatz "Voces Paginarum": Adalékok a hangos olvasás és írás kérdéséhez.(11) Eine erweiterte deutsche Fassung erschien 1926 unter dem Titel "Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens".(12) Balogh zufolge ist "das laute Lesen die ursprüngliche und natürliche Form des Lesens überhaupt". Das stumme Lesen ist eine Folge der Mechanisierung des Schreibens und Lesens. "Diese Mechanisierung begann mit der Erfindung des Buchdruckes", meint Balogh, "und hält bis zum heutigen Tage ununterbrochen an. Die Schreib-, Diktier-, Sprech-Maschinen einerseits, Fernschreiber, Fernsprecher und »Broadcasting« andererseits stehen alle im Dienste der Mechanisierung des geschriebenen und gesprochenen menschlichen Wortes; ein besonderer Platz gebührt dem Kinematographen, der nicht nur die Sprache von der Bühne verdrängt hat, sondern auch in mancher Hinsicht zum Surrogat des Buches wurde."

Baloghs Werk wurde bald insbesondere von István Hajnal rezipiert. Der ungarische Historiker Hajnal, der ab 1913 mit einigen Unterbrechungen mehrere Jahre in Wien verbracht hat, veröffentlichte 1921 seine Habilitationsarbeit Írástörténet az írásbeliség felújulása korából. In der deutschen Zusammenfassung, die den Titel "Die Erneuerung des Schreibwesens: Ein Beitrag zur Schriftgeschichte" trägt, beginnt Hajnal mit der Feststellung, daß das ursprüngliche Ziel seiner Forschungen "die Vergleichung des österreichischen und ungarischen Schreibwesens im XII. und XIII. J[ahrhundert]" war. Tatsächlich führten aber diese Forschungen bereits in der Habilitationsarbeit weit über jenes Ziel hinaus, bis zu Fragen der weltgeschichtlichen Rolle der Schriftlichkeit überhaupt. Die wichtigsten Werke Hajnals entstanden in den dreißiger Jahren. Ich kann hier nur ein einziges, kurzes, allerdings durchaus bezeichnendes Zitat anführen, und zwar aus einer unveröffentlichten Einleitung, die Hajnal um 1935 für sein Buch Az újkor története, "Geschichte der Neuzeit", verfaßte: "Die Schrift als ein Instrument der Kommunikation hat das Stadium der Sättigung erreicht: sie hat nunmehr alles in sich aufgenommen, das früher das Eigentum der gesprochenen Sprache war. ... In diesem Zustand der Sättigung muß die einseitige Rolle der Schriftlichkeit zu einem Ende kommen. ... Wieder einmal ist die Mündlichkeit unsere Sehnsucht, die mögliche Ausschaltung der Schrift: die Spontaneität wird geschätzt, sowohl in der Kunst als auch im Leben."

Ein anderer Ungar, der in den zwanziger Jahren ebenfalls in Wien arbeitete, war der Dichter, Dramatiker und Filmkritiker Béla Balázs, dessen Buch Der sichtbare Mensch, ein Buch über die Ästhetik des Films, 1924 veröffentlicht wurde. Balázs bietet eine Reihe von interessanten psychologischen und philosophischen Überlegungen. Nachdem er z.B.feststellt, daß "die Gebärdensprache ... die eigentliche Muttersprache der Menschheit [ist]", bemerkt er: "es ist nicht derselbe Geist, der sich einmal hier in Worten, ein andermal dort in Gebärden ausdrückt. ... Denn die Möglichkeit uns auszudrücken, bedingt schon im voraus unsere Gedanken und Gefühle. ... Psychologische und logische Analysen haben es erwiesen, daß unsere Worte nicht nur nachträgliche Abbilde unserer Gedanken sind, sondern ihre im vorhinein bestimmenden Formen." Das Aufkommen der Ansicht, laut der Wörter bloße Träger der Gedanken von Person zu Person sind, erklärt Balázs mit der Entwicklung des Buchdruckes; und er unterstreicht, daß als eine Folge desselben alle Kommunikationsformen außer des Lesens und Schreibens in den Hintergrund rücken mußten. Das neue Medium indessen, der Film, meint Balázs, wird "die glückliche Zeit" zurückbringen, "da die Bilder noch ein 'Thema', eine 'Idee' haben durften, weil die Idee nicht immer vorerst in Begriffen und Worten erschien und der Maler nicht erst nachträglich mit seinem Bilde eine Illustration dazu malte."(13)
 
 

5. Neurath und die bildliche Ergänzung der Schriftsprache

Im Wien Anfang der zwanziger Jahre studierte - an der Technischen Hochschule - der Ungar Arthur Koestler (ursprünglich Köstler Artúr), der - ein abenteuerliches Leben in Büchern fortführend - unter anderem vielzitierte Werke zum Verhältnis von Wort und Bild im Zusammenhang mit der Frage von künstlerischer und wissenschaftlicher Kreativität veröffentlichte.(14) Und das Wien der zwanziger Jahre ist die Geburtsstadt der Neurathschen Bildstatistik. An Otto Neurath erinnert man sich heute hauptsächlich wegen seiner prominenten Rolle im Wiener Kreis; man sollte aber auch sein Programm einer bildlicher Ergänzung der Schriftsprache endlich zur Kenntnis nehmen.(15) Dieses Programm zielte auf eine bessere Integration von Text und Bild ab und wurde nach Neuraths Emigration 1935 unter der Bezeichnung "International System Of TYpographic Picture Education", als isotype abgekürzt, weitergeführt. Es handelt sich hier um ein zweidimensionales System(16) voneinander gegenseitig abhängenden und miteinander gegenseitig verknüpften Zeichen, welches zwar in Verbindung mit Wortsprachen verwendet werden, dennoch eine eigene visuelle Logik besitzen sollte. "Oft ist es sehr schwer", schrieb Neurath, "in Worten zu sagen, was dem Auge direkt klar ist. Wir brauchen nicht in Worten zu sagen, was wir mit Hilfe von Bildern klarmachen können."(17) Isotype sollte in den Dienst einer Enzyklopädie der Einheitswissenschaft gestellt werden. "Was wir Wissenschaft nennen", meinte Neurath, "kann als die typische Art des Argumentierens angesehen werden, die den Menschen aller Nationen, reich und arm, gemeinsam ist. ... - Es ist wichtig, das, was den Menschen gemeinsam ist, in einer Sprache auszudrücken, die möglichst einfach und neutral ist. Eine Bildersprache, die Hieroglyphensprache, hat den Vorteil, von der Wortsprache unabhängig zu sein, ist besonders geeignet, faktische Information auf vereinfachte Weise zu vermitteln, und hat eine gewisse Neutralität."(18)
 
 

6. Wittgenstein: Sprache als Bild? Bild als Sprache?

Daß bei Neurath gewisse Gedanken von Wittgensteins Traktat widerhallen, ist bekannt; nur kam es Wittgenstein freilich nicht sosehr auf die Möglichkeit einer modernen Bildersprache, als vielmehr auf das Bildhafte der Sprache überhaupt an. Wie es im Traktat 4.011 und 4.016 heißt:

Auf den ersten Blick scheint der Satz - wie er etwa auf dem Papier gedruckt steht - kein Bild der Wirklichkeit zu sein, von der er handelt. Aber auch die Notenschrift scheint auf den ersten Blick kein Bild der Musik zu sein, und unsere Lautzeichen-(Buchstaben-)Schrift kein Bild unserer Lautsprache. - Und doch erweisen sich diese Zeichenspachen auch im gewöhnlichen Sinne als Bilder dessen, was sie darstellen.

Um das Wesen des Satzes zu verstehen, denken wir an die Hieroglyphenschrift, welche die Tatsachen die sie beschreibt abbildet. - Und aus ihr wurde die Buchstabenschrift, ohne das Wesentliche der Abbildung zu verlieren.

Nun ist es eine weitverbreitete Meinung, daß der spätere Wittgenstein der Möglichkeit bildvermittelter Kommunikation eher skeptisch gegenüberstand. Man führt da gewöhnlich die Paragraphen 139 bis 141 der Philosophischen Untersuchungen an, welche gleichsam eine Anwendungstheorie der Bilder andeuten - wo die Anwendung jedoch in der Wortsprache festgelegt werden muß. Allerdings setzt des späteren Wittgensteins Methode, philosophische Argumente mit Hilfe von Zeichnungen zu erklären, eine Idee von solchen Bildern voraus, die eben auch ohne wortsprachliche Begleitung einen Sinn vermitteln können. Ich zitiere, aus Abschnitt XI des zweiten Teils der Untersuchungen, Wittgensteins Betrachtungen zum schwarz-weißen Doppelkreuz:
(Die Versuchung, zu sagen, "Ich sehe es so", indem man bei "es" und "so" auf das Gleiche zeigt.) ... Jene beiden Aspekte des Doppelkreuzes ... ließen sich z.B. einfach dadurch mitteilen, daß der Betrachter abwechselnd auf ein freistehendes weißes und auf ein freistehendes schwarzes Kreuz zeigt. - Ja, man könnte sich denken, daß dies eine primitive Reaktion eines Kindes wäre, noch ehe es sprechen kann.
Ich habe in den vergangenen Jahren wiederholt versucht zu zeigen - und habe es auch in meinem jetzigen Vortrag eingangs angedeutet - , daß sich die Philosophie des späteren Wittgenstein teilweise als eine Überwindung der Logik der Schriftsprache verstehen läßt, nämlich als eine Überwindung aus der Sicht der mündlichen Sprache.(19) Man dürfte hier aber sogar von einer zweifachen Überwindung der Schriftsprache reden: von einer Überwindung derselben in Richtung Mündlichkeit und in Richtung Bild.
 
 

7. Das österreichisch-ungarische Erbe in der heutigen Kommunikationsphilosophie

Ich komme zum Abschluß. Es gab in den 1950-er Jahren einen Kreis, um Marshall McLuhan in Toronto, in welchem sowohl die Schriften von Hajnal und Balázs als auch die von Wittgenstein rezipiert und miteinander verschmolzen wurden. Von McLuhan stammt der erste Versuch, die Philosophischen Untersuchungen als eine Philosophie der Mündlichkeit zu interpretieren.(20) Und von Karl (eigentlich Károly) Polányi, Mitglied jenes Kreises, stammt ein Aufsatz zur Semantik des Geldes, wo es heißt: "Symbols do not merely 'represent' something. They are material, oral, visual, or purely imaginary signs that form part of the definite situation in which they participate; thus they acquire meaning."(21) Über den Umweg von McLuhan übt das österreichisch-ungarische Denken einen lebendigen Einfluß auf die einschlägigen Forschungen der Gegenwart aus. Dieses Denken wirkt aber auch unmittelbar, es stellt eine Quelle dar, aus der die heutige, im Zeichen der Hypertextualität und Multimedialität stehende Philosophie der Kommunikation - ständige Anregungen erhält.
 


ANMERKUNGEN




1. Ich folge hier im wesentlichen dem Gedankengang meines "From Palágyi to Wittgenstein: Austro-Hungarian Philosophies of Language and Communication" in Nyíri-P. Fleissner, Hgg., Philosophy of Culture and the Politics of Electronic Networking, Bd.1: Austria and Hungary: Historical Roots and Present Developments, Innsbruck-Wien: Studien Verlag / Budapest: Áron Kiadó, 1999, S.1-11. Vgl. auch Nyíri, "Mitteleuropa und das Entstehen der Postmoderne", in Richard G. Plaschka, Horst Haselsteiner und Anna M. Drabek, Hgg., Mitteleuropa - Idee, Wissenschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert, Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1997, S.97-111, eine frühere Version ist unter dem Titel "Österreich und das Entstehen der Postmoderne" erschienen, in Jeff Bernard und János Kelemen, Hgg., Zeichen, Denken, Praxis, Wien-Budapest: ÖGS/ISSS, 1990, S.347-363. Ich erlaube mir hier im folgenden einige Zeilen dieser - weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit erschienenen - Aufsätze wörtlich zu verwenden.

2. Arthur Koestler, The Invisible Writing. The Second Volume of an Autobiography: 1932-40, London: Collins, 1954, hier zitiert nach der Ausgabe von 1969 (New York: Macmillan), S.211.

3. Fritz Mauthner, Erinnerungen I: Prager Jugendjahre, München, 1918, S.51. - Daß dieses Defizit allerdings mit einer gewissen sprachwissenschaftlichen Sensibilität einhergehen konnte, betont Mauthner ebenfalls. "[I]ch verstehe es gar nicht", heißt es an einer anderen Stelle, "wenn ein Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren ist, zur Sprachforschung nicht gedrängt wird. Er lernte damals ... genau genommen drei Sprachen zugleich verstehen ..., mußte gewissermaßen zugleich Deutsch, Tschechisch und Hebräisch als die Sprachen seiner »Vorfahren« verehren", ebd., S.32f.

4. Josef Weinheber, Sämtliche Werke, Bd.V, Salzburg: 1956, S.199.

5. Kant und Bolzano: Eine kritische Parallele, Halle: Niemeyer, 1902, S.32.

6. Az ismerettan alapvetése, Budapest: Athenaeum, 1904, S.12f.

7. Ebd., S.15 und 69.

8. Ebd., S.84.

9. Ebd., S.85.

10. Ebd., S.29-31 und 85.

11. Budapest: Franklin Társulat.

12. Philologus 82 (1926), S.84-109 und 202-40.

13. Balázs, Béla, Schriften zum Film I-II, Bd.I: Der sichtbare Mensch. Kritiken und Aufsätze 1922-1926, Budapest: Akadémiai Kiadó, 1982; Bd.II: Der Geist des Films. Artikel und Aufsätze, Budapest: Akadémiai Kiadó, 1984.

14. Siehe insb. Arthur Koestler, The Act of Creation, London: Hutchinson, 1964.

15. 1991 wurde der Band Otto Neurath, Gesammelte bildpädagogische Schriften veröffentlicht, herausgegeben von Rudolf Haller und Robin Kinross (Wien: Hölder-Pichler-Tempsky).

16. "Zeichen werden gewöhnlich auf einer Ebene zusammengestellt; manchmal sind sie auch Körper im dreidimensionalen Raum. Schreiben oder Sprechen haben nur eine Dimension - die laute folgen einander in der Zeit, die Wortzeichen folgen im allgemeinen einander auf dem Papier, die telegrafischen Zeichen z.B. auf einem langen, schmalen Papierstreifen. Dasselbe gilt für Bücher - daß ein Wort über einem anderen auf der nächsten Zeile steht, hat keinen Einfluß auf seine Bedeutung. ... das Isotype-System ... benutzt die Verbindung der Zeichen nicht nur in einer, sondern in zwei Richtungen, und das Resultat ist ein »Sprachbild«." (Neurath, "Internationale Bildersprache", Gesammelte Bildpädagogische Schriften, S.376. Ursprünglich: International Picture Language, London: 1936.)

17. "Die Wissenschaft berichtet uns von alten Bildersprachen", fährt er fort, "die allgemein verwendet wurden, z.B. auf den ersten Stufen der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Zeichen sind uns heute oft nicht sehr klar, aber sie waren klar, als und wo sie gebraucht wurden. Wir können die alten Zeichen nicht übernehmen, wie sie sind. Sie müssen den Formen von heute und morgen angepaßt werden, wenn sie in allgemeinen Gebrauch kommen sollen. Einem Zeichen eine bestimmte Form zu geben, die geeignet ist zum internationalen Gebrauch, möglicherweise für eine große Zahl von Jahren, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. ... Es geht nicht an, ausschließlich den Geschmack des Tages zu befolgen; wir müssen auch die Erfahrungen der Geschichte berücksichtigen. Die Bilderschrift von Alt-Ägypten und Schlachtenbilder auf alten militärischen Karten ... sind eine große Hilfe beim Ausbau eines Systems von Zeichen" ("Internationale Bildersprache", S.363 und 366).

18. Neurath, "Bildpädagogik: Humanisierung gegen Popularisierung", Gesammelte bildpädagogische Schriften, S.649 (ursprünglich: "Visual Education: Humanisation versus Popularisation", 1945).

19. Vgl. insb. meinen Aufsatz "Wittgenstein as a Philosopher of Secondary Orality", Grazer Philosophische Studien 52 (1996/97), auch als elektronisches Dokument:
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20. "All that need be said", schrieb er, "is that Wittgenstein is here trying to explain the character of oral as opposed to written philosophy." (McLuhan, "Eminent Extrapolators", Explorations, Nr.8.)

21. Polányi, "The Semantics of Money-Uses", ebd.